Libra 2.0: Eine globale Plattform für den programmierbaren Euro, US Dollar und Co.

Am 16. April hat die Libra Association — ein Konsortium aus 22 Unternehmen, darunter Facebook/Calibra, Spotify und Uber — die Version 2.0 des Libra-Projekts angekündigt: Libra wurde von Facebook initiiert und das Grundkonzept wurde im Sommer 2019 veröffentlicht (v1.0). Nach der Kritik von Politikern und Regulatoren nach der Ankündigung von v1.0 geht die Libra Association nun eindeutig einen Schritt auf Regulatoren zu, ändert das Libra-Konzept (v2.0) und kommt vielen Forderungen von Regulierungsbehörden und Zentralbanken nach. Somit könnte die Libra-Plattform tatsächlich bereits in diesem Jahr Realität werden. Allerdings sei angemerkt, dass die Libra Association einige wichtige Konsortiumsmitglieder wie Mastercard, Visa, PayPal und Vodafone verloren hat. In diesem Beitrag adressieren wir die folgenden Fragen: Was sind die Schlüsselaspekte und Hauptunterschiede des neuen Konzepts “Libra 2.0” und was sind deren Auswirkungen? Autoren: Jonas Groß, Philipp Sandner

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Was sind Auswirkungen des neuen Libra-Konzepts?

Im Jahr 2020 könnte der digitale programmierbare Euro (≋EUR) zusammen mit dem digitalen USD (≋USD), dem digitalen GBP (≋GBP) usw. auf der Libra-Plattform verfügbar sein. Der Blockchain-basierte digitale Euro in programmierbarer Form würde v.a. der Industrie und Endkunden erhebliche Vorteile bieten, allerdings ist dies bisher noch nicht allgemein bekannt. Natürlich kann darüber diskutiert werden, inwieweit Libra im derzeitigen Design eine echte auf der Distributed-Ledger-Technologie (DLT) basierende Plattform ist. Dies ist eine Frage für zukünftige Forschung.

Welche Projekte konkurrieren mit dem neuen Konzept “Libra 2.0”?

Libra wird aller Voraussicht nach eine generische Plattform für “digitale programmierbare Währungen” mit Smart-Contract-Funktionalitäten werden. Daran arbeiten auch andere Projekte. Wir gehen davon aus, dass die folgenden Projekte Konkurrenten von Libra werden:

  • Chinesische digitale Währung (DCEP): Die chinesische Zentralbank hat im April 2020 mit den ersten Testläufen ihrer digitalen Währung begonnen. Ziel ist es, physisches Bargeld durch eine digitale Version der lokalen Währung zu ersetzen.

Was sind die Schlüsselaspekte des neuen Konzepts “Libra 2.0”?

Die folgenden Punkte sind die wichtigsten Änderungen von v2.0 im Vergleich zu v1.0: Ankündigung von Single-Currency Stablecoins, die jeweils durch eine Fiat-Währung besichert sind, Einführung eines Kapitalpuffers für Krisensituationen, Verpflichtung auf ein beschränktes Blockchain-System und die Umsetzung einer tiefgreifenden Compliance-Strategie in Zusammenarbeit mit Regulierungsbehörden. Die wichtigsten Änderungen sind in Abbildung 1 dargestellt.

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Abbildung 1: Überblick über die wichtigsten Aspekte des neuen Konzepts “Libra 2.0”.

Mehrere programmierbare Einzelwährungen wie EUR, USD, GBP

Libra v1.0 wurde als Plattform konzipiert und als globales Zahlungsmittel geplant, das durch einen Korb aus bestehenden Fiat-Währungen, wie EUR und USD, und Staatsanleihen abgesichert sein sollte. Jetzt, in Version 2.0, entwickelt sich Libra mehr und mehr zu einer globalen Plattform, zu der mehrere Einzelwährungen hinzugefügt werden können. In ihrem aktualisierten Konzeptpapier erwähnt die Libra Association ausdrücklich USD, EUR und GBP — die Zahl der Stablecoins soll im Laufe der Zeit in Zusammenarbeit mit Regulierungsbehörden, Zentralbanken und Finanzinstitutionen erhöht werden. Die grobe Architektur des “Libra 2.0”-Konzepts ist in Abbildung 2 dargestellt.

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Abbildung 2: Architektur des “Libra 2.0”-Konzepts

Libra Coin durch mehrere Währungen besichert

Darüber hinaus könnte der Libra Coin in Regionen, in denen es aktuell keine stabile Währung gibt, diese Lücke füllen und als “Ersatz” einer staatlichen Währung zu einer höheren finanziellen Inklusion beitragen. Neben verschiedenen Single-Currency Stablecoins, die jeweils mit einer einzigen Währung besichert sind, wird es einen Libra Coin (Multi-Currency-Stablecoin) geben, der mit mehreren Währungen besichert sein wird (≋LBR). Der Libra Coin setzt sich aus den jeweiligen Single-Currency- Stablecoins zusammen. Die genaue Zusammensetzung und der Anteil der jeweiligen Single-Currency- Stablecoins wird in Form von fixierten Gewichten festgelegt, die z.B. in den vom Internationalen Währungsfonds (IWF) ausgegebenen Sonderziehungsrechten (SZR) zur Anwendung kommen. Das Libra-Papier erwähnt eine beispielhafte Zusammensetzung von ≋USD 0,50, ≋EUR 0,18, ≋GBP 0,11 usw. für den Libra Coin. Die Libra Association stellt klar, dass auch digitale Zentralbankwährungen (CBDC) in Zukunft problemlos in die Libra-Plattform integriert werden könnten.

Smart Contract-Funktionalitäten

Smart Contracts werden auf der Libra-Blockchain möglich sein — ähnlich wie heute bereits auf der Ethereum-Blockchain. Zu Beginn werden diese Smart Contracts von der Libra Association geprüft, später sind hier auch Änderungen möglich. Theoretisch sind auch Kredite, Treuhandkonten in USD, EUR, GBP, etc. technologisch realisierbar. Die Libra-Association betont jedoch, dass die Association selbst keine Kredite vergeben wird, sondern — wenn überhaupt — über dritte Parteien. Daher könnte es auch möglich sein, dass Banken mit der Libra Association zusammenarbeiten und über die Libra-Plattform auf Libra-lautende Kredite anbieten.

Fokus auf beschränktes Blockchain-System

Die Libra Association plante im ursprünglichen Konzept, mit einem beschränkten Blockchain-System für die Mitglieder des Libra-Konsortiums zu beginnen und nach fünf Jahren ein “öffentliches” Netzwerk wie die Ethereum-Blockchain zu werden. Jetzt, mit v2.0, möchte die Libra Association durchgängig an einem beschränkten System festhalten. Die Libra Association hat vermutlich dieses Vorgehen gewählt, um die Kontrolle über das Netzwerk und die Leitung zu behalten. Es werden im Libra-Paper zudem Prozesse skizziert, wie Nodes und andere Dienstleister dem Netzwerk beitreten können.

Zusammensetzung der Libra Reserve und Kapitalpuffer

Sowohl die Single-Currency-Stablecoins als auch der Multi-Currency Libra Coin werden vollständig durch entsprechende Reserven gedeckt werden, um die Stabilität des Systems zu gewährleisten. Die Stablecoins werden zu mindestens 80% durch auf diese Währung lautende kurzfristige (bis zu drei Monate Restlaufzeit) Staatsanleihen mit hohem Rating (mindestens A+ Rating von S&P) und zu 20% durch Bargeld besichert. Libra Token können nur von der Libra Association als Reaktion auf die Nachfrage am Markt “geschöpft” werden. Die Libra Association räumt ein, dass im Libra-Netz Verluste auftreten könnten, z.B. durch rasche Änderungen der Zinssätze. Für diese Situation ist die Libra Reserve mit einem zusätzlichen Kapitalpuffer ausgestattet, der in Krisenzeiten eingesetzt werden kann. Im Dokument wird jedoch nicht angegeben, wie groß der Puffer sein wird.

Compliance und Zusammenarbeit mit Regulierungsbehörden

In v2.0 betont die Libra Association die Notwendigkeit, sich an gesetzliche Rahmenbedingungen zu halten — Libra sollte nicht so konzipiert sein, dass die Geldpolitik der Zentralbanken beeinträchtigt wird, sondern eher so, dass sie “sich reibungslos in die lokale geldpolitische und makroprudenzielle Politik integriert und bestehende Währungen ergänzt, indem sie neue Funktionen ermöglicht, die Kosten drastisch reduziert und die finanzielle Integration fördert”. Daher wird die Libra Association ein umfassendes Compliance-System einführen, um illegale Aktivitäten wie Geldwäsche und Terrorfinanzierung zu verhindern. Gemäß des Whitepapers v2.0 würde es die Libra Association sogar begrüßen, wenn die Libra Reserve von einer Gruppe von Regulatoren, Zentralbanken oder internationalen Organisationen (z.B. dem IWF) unter der Leitung der Schweizerischen Finanzmarktaufsicht (FINMA) beaufsichtigt und kontrolliert würde. Außerdem wurde bekannt gegeben, dass die Libra Association bei der FINMA bereits eine Lizenz zum Betreiben eines Zahlungssystems beantragt hat.

Welche Art von “digitalem programmierbarem Geld” ist Libra?

Das Libra-System könnte zu einer weltweiten Plattform werden, die eine breite Palette bestehender Währungen auf ein Blockchain-System bringen kann und somit mehrere Währungen “programmierbar” machen würde. Programmierbares Geld kann von verschiedenen Institutionen ausgegeben werden (siehe Abbildung 3, Quelle: Sandner, Klein, Gross, 2020). Die erste Möglichkeit besteht darin, dass eine Zentralbank, wie die Europäische Zentralbank (EZB), eine solche programmierbare Währung ausgeben könnte (Central Bank Digital Currency, CBDC). Alternativ könnte programmierbares Geld von regulierten privaten Organisationen, wie Banken oder E-Geld-Anbietern, oder von nicht regulierten privaten Organisationen ausgegeben werden, z.B. im Fall von “klassischen” Stablecoins wie Tether.

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Abbildung 3: Klassifikation von programmierbarem Geld

Libra kann als programmierbares Geld klassifiziert werden, das von einer regulierten Organisation ausgegeben wird, da sich die Libra Association klar dahingehend positioniert hat, regulatorische Rahmenbedingungen zu befolgen und Hand in Hand mit Aufsichtsbehörden zu arbeiten. Dies gilt besonders in Ländern, in denen es stabile Währungen wie EUR, USD, GBP usw. gibt, und wird durch das gelbe Kästchen auf der linken Seite von Abbildung 3 angezeigt.

Libra könnte jedoch auch als von einer unregulierten Partei ausgegeben angesehen werden, wenn die Libra-Stablecoins in Entwicklungs- und Schwellenländern verwendet werden würden, in denen die Libra Association nicht reguliert ist. Die Regulierung erfolgt auf Länderebene. Es könnte sein, dass in Ländern, in denen eine stabile Geldart benötigt wird (z.B. Venezuela, Simbabwe), der Multi-Currency Libra Coin angeboten wird. Es ist allerdings fraglich, ob die Libra Association tatsächlich einen solchen Ansatz verfolgen wird oder ob die Libra Association in diesen Ländern zunächst lokale Kapitalmarktlizenzen beantragt. Wenn die Libra Association die Stablecoins lediglich in Ländern anbietet, die selbst keine stabile Währung haben, und wenn sie keine erforderlichen Lizenzen einreicht, dann wäre die Libra Association in diesen Ländern eine unregulierte Organisation, die Geld ausgibt, das durch einen Währungskorb gedeckt ist. Daher gilt zusätzlich das zweite gelbe Kästchen auf der rechten Seite von Abbildung 3 für Libra. Libra kann daher nicht eindeutig klassifiziert werden, was wiederum das Argument unterstützt, dass Libra nicht nur digitales Geld, sondern eine Plattform mit mehreren tokenisierten Währungen ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Libra Association in Ländern wie der Schweiz, den USA, anderen europäischen Ländern usw. reguliert werden könnte, allerdings vielleicht nicht in allen Entwicklungs- und Schwellenländern.

Fazit

Die neue Strategie “Libra 2.0” zeigt deutlich den Fortschritt des Libra-Projekts. Es wird deutlich, dass die Libra Association zahlreiche Gespräche mit Zentralbanken, Aufsichtsbehörden und anderen relevanten Interessengruppen geführt und — basierend auf deren Feedback — ihre Strategie angepasst hat. Die Beantragung der Zahlungssystemlizenz bei der Schweizer FINMA zeigt, dass die Libra Association Hand in Hand mit (globalen) Regulatoren arbeiten wird und nicht in “Grauzonen” operieren wird. Trotz des Projektfortschritts ist allerdings zu betonen, dass sich das Libra-Projekt noch in einem konzeptionellen Stadium befindet. Es sind verschiedene regulatorische Hürden zu überwinden, damit Libra tatsächlich live gehen kann. Auch wenn die FINMA demnächst die Lizenz erteilt, muss die Libra Association höchstwahrscheinlich auch in Deutschland eine Lizenz bei der BaFin beantragen. Das neue Konzept zeigt, dass es die Libra Association mit der baldigen Einführung von Libra sehr ernst meint — es könnte jedoch noch einige Zeit dauern, bis alle regulatorischen Themen gelöst sein werden.

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Autoren

Jonas Groß ist Project Manager und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Frankfurt School Blockchain Center (FSBC). Seine Interessengebiete sind vor allem Kryptowährungen. Außerdem analysiert er im Rahmen seiner Doktorarbeit die Auswirkungen der Blockchain-Technologie auf die Geldpolitik der weltweiten Zentralbanken. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit Innovationen wie Central Bank Digital Currencies (CBDC) und Central Bank Crypto Currencies (CBCC). Du kannst ihn per Mail (jonas.gross@fs-blockchain.de), LinkedIn (https://www.linkedin.com/in/jonasgross94/) und via Xing (https://www.xing.com/profile/Jonas_Gross4) kontaktieren.

Prof. Dr. Philipp Sandner hat das Frankfurt School Blockchain Center (FSBC) gegründet. In den Jahren 2018 und 2019 wurde er von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), einer der größten Zeitungen in Deutschland, als einer der “Top 30”-Ökonomen ausgezeichnet. Darüber hinaus gehörte er zu den “Top 40 unter 40” — einem Ranking des Wirtschaftsmagazins Capital. Seit 2017 ist er Mitglied des FinTechRats des Bundesministeriums der Finanzen. Die Expertise von Prof. Sandner umfasst die Blockchain-Technologie, Kryptowerte wie Bitcoin und Ethereum, den digitalen programmierbaren Euro, Tokenisierung von Assets und Rechten und letztlich digitale Identität. Erreichbar ist er per E-Mail (email@philipp-sandner.de), per LinkedIn oder auf Twitter (@philippsandner).

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Written by

Professor | Lecturer | Author | Investor | Frankfurt School Blockchain Center

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