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Corona: das digitalisierende Virus

Welche Mentalität es braucht und wie die Digitalisierung in Deutschland nun gelingen kann. Autoren: Carsten Stöcker, Markus Büch, Philipp Sandner

Das Thema Digitalisierung steht schon lange auf der Agenda. Seit Jahren. Für tausende von Unternehmen und hunderttausende von Angestellten. Der CEO startete zahlreiche Digitalisierungsinitiativen, der CTO ebenfalls. Beratertrupps entsandten Teams für agiles Management. Ein bisschen digital wurden wir alle; aber ganz langsam.

Dann kam das Coronavirus und brach über uns herein. Social Distancing ist jetzt das Gebot der Stunde. Das Interessante daran: Dies bedeutet natürlich Home Office. Und Home Office wiederum erfordert einen hohen Grad der Digitalisierung. So ist Corona auch das digitalisierende Virus.

Damals, vor Ewigkeiten, in der ersten Märzhälfte 2020 haben Unternehmen ihren Mitarbeitern Reisebeschränkungen verordnet. Damit war es nicht mehr möglich, dass Meetings stattfinden konnten. Der Staat wünschte sich dann zunächst in aller Höflichkeit “Social Distancing”: kein Großraumbüro, keine Kollegenkaffeemaschine, kein Pendeln in der überfüllten S-Bahn. Zu dieser Zeit wurde parallel die technische Infrastruktur aufgebaut, so das überhaupt digital gearbeitet werden konnte. Es wurden VPN-Tunnel eingerichtet, Bürotelefone datenschutzkonform auf Handys umgeleitet, die Internet-Kapazität vergrößert. Es fanden Schulungen für Videokonferenz-Tools statt. Binnen zwei Wochen wurde per Zwang erreicht, das deutsche Büros digital arbeiten konnten. Und auch mussten. Denn dann verordnete der Staat Kontaktsperren, was letztlich zu einem Home Office-Zwang für Bürodeutschland führte.

Plötzlich arbeitet Bürodeutschland digital. Es holpert hier und da, aber grundsätzlich hat Corona das geschafft, was viele CEOs, CTOs und Berater nicht geschafft haben. Es ist wie eine Bewegung. Das Zwischenergebnis Stand heute: Es geht doch. Wenn man will bzw. wenn man muss. Die Entwicklung der vergangenen Wochen ist durchaus beeindruckend: Tausende Angestellte und Büros — alles kommuniziert digital miteinander. Keine Geschäftsreisen mehr für Meetings, stattdessen Videokonferenzen. Geographische Distanzen schrumpfen damit auf ein Minimum. Im Januar noch musste man von Köln nach München für einen Geschäftstermine zweimal fünf Stunden Fahrtzeit einplanen, möglicherweise sogar noch eine Hotelübernachtung. Inzwischen sind es von Köln nach München ein paar Sekunden bis sich das Videokonferenz-Fenster am PC öffnet. Und es funktioniert.

Das deutsche Unternehmensrecht wurde ebenso von einem Digitalisierungsschub erfasst. Alle Gesellschafter- und Hauptversammlungen können nach dem in der vergangenen Woche beschlossenen Notfallgesetzen elektronisch organisiert und virtuell abgehalten werden, ohne dass — wie bisher — eine spezifisch ausgestaltete Satzung vorhanden sein muss. Seit dem Jahrtausendwechsel wird die „Virtuelle Hauptversammlung“ diskutiert. Nun ging alles ganz schnell. Doch schon kurz nach Bekanntwerden der geplanten Gesetzesänderungen kam der erhobene Zeigefinger. Der Verlust von Aktionärsrechten wurde angemahnt und schon jetzt die baldige Rückkehr zum Urzustand eingefordert. Doch das Rad sollte nicht zurückgedreht werden. Vielmehr gilt es, die möglichen Erfahrungen zu sammeln, auszuwerten und in ein stimmiges Gesamtkonzept von physischen und virtuellen Versammlungen einfliessen zu lassen. Das darf die Wirtschaft im 21. Jahrhundert erwarten. Handeln muss der deutsche Gesetzgeber in Sachen Digitalisierung des Unternehmensrechts ohnehin. Bis August 2021 sind nach einer im letzten Sommer in Kraft getretenen europäischen Richtlinie insbesondere Online-Gründungen von Kapitalgesellschaften sowie die Online-Registrierung von Zweigniederlassungen zu ermöglichen.

“Die Corona-Krise zeigt, wie wichtig die Digitalisierung von Verwaltungsleistungen ist.”, Bundesinnenminister Seehofer, 02.04.2020

Der Staat hat also noch sehr viel zu tun. Bei der ‘Digital Single Market’ Untersuchung der EU kam 2019 wieder heraus, dass Deutschland mit Rumänien, Bulgarien und Griechenland bei den Digital Public Services, wie E-Government und E-Health, weit abgeschlagen ist. Wir laufen hinter den Musterschülern aus Finnland, Estland, Niederlande und Spanien hinter. Da in Bulgarien und Griechenland viele gut ausgebildete IT-Talente hervorgebracht und der Staat die Digitalisierungsthemen angeht, wird es nicht mehr lange dauern, bis diese Länder auch an uns vorbeigezogen sind.

Abbildung 1: Digitalisierungslücke: E-Government und E-Health (Quelle: Digital Scoreboard for Public Services, March 2020)

Die Lücke ist schon innerhalb der EU sehr groß. Im Internationalen Vergleich sind bei den Digital Public Services Länder wie Australien, Südkorea, Neuseeland Kanada und Singapur weit voraus. Bildung in unseren Kindergärten tendiert jedoch gegen Null, unsere Schulen sind miserable mit IT ausgestattet und unsere Ingenieure bilden wir eher systematisch in klassischer Mechanik aus als in angewandten IT- und AI-Technologien zur Digitalisierung unserer industriellen Basis.

Es gibt noch viel zu tun! Nachfolgend einige Dinge die nun dringend als nächstes dem Digitalisierungssturm ausgesetzt werden sollten:

  1. E-Justiz: Staatsanwälte und Richter können noch nicht digital arbeiten, weil Akten in Papierform vorliegen und anscheinend auch vorliegen müssen. Doch Digitalisierung im Staatsapparat ist mehr als nur Aktenz zu digitalisieren. Es fehlt an Ausstattung und es fehlt an IT-Fachpersonal. Möglicherweise fehlt es auch noch am “Wollen”.
  2. E-Notariat: Papier ist geduldig und gesetzliche Formerfordernisse sind wichtig. Aber das Notariatswesen muss digital werden. Die Kernkompetenz des Notars liegt nicht im Beglaubigen von höchstpersönlichen Unterschriften, sondern in der Beratung und Aufklärung. Für den Berufsstand des Notars bieten sich hierdurch viele Möglichkeiten.
  3. E-Government: Der Personalausweis, der Kfz-Schein und das Handelsregister haben sich gefühlt seit den 70ern nicht verändert. Mit einer Ausnahme: das Passfoto ist nicht mehr schwarzweiß sondern in Farbe. Nun aber muss die Unternehmens- und Bürgeridentität digitalisiert werden. Dies beginnt beim vom digitalen Personalausweis und geht über digitale Universitätszertifikate bis hin zur digitalen Fahrzeugakte. Dies beinhaltet auch die Digitalisierung der vielfältigen Register im Verwaltungswesen wie zum Beispiel das Handelsregister für Unternehmen. Dieses Mal aber richtig, mit Schwung — nicht so halbherzig wie in den letzten Jahren. Dann gelingen auch die Umsetzung des Online-Zugangsgesetzes (OZG) und die Registermodernisierung in der Deutschen Verwaltung.
  4. E-Health — Krankenversicherungen, Arztpraxen und Apotheken: In Arztpraxen müssen Patienten weiterhin persönlich erscheinen, um ihre Versichertenkarte zu zeigen. Telefonische Beratung oder Videosprechstunden sollten nun verstärkt eingeführt werden. Auch die Versichertenkarte aus Plastik muss endlich digital werden. Und natürlich muss das rote Arztrezept auf Papierbasis eine Reinkarnation in einer digitalen Variante, das E-Rezept, finden.
  5. Digitaler Euro: Die Vorteile eines auf Blockchain-Basis notierendenden Euros sind manchmal inzwischen bekannt und verstanden worden. Zahlreiche deutsche Verbände fordern ihn, das Finanzministerium und die Bundesbank zeigen sich offen. Hier muss nun der nächste Schritt passieren; die Europäische Zentralbank und die Geschäftsbanken müssen ihre Anstrengungen intensivieren. Ansonsten wird Facebook’s Libra oder ein ähnliches Projekt aus dem Ausland zur Euro-Zahlungsinfrastruktur für deutsche Unternehmen und Bürger.
  6. Digitale Bildung: Schulen und staatliche Hochschulen sollten in der Fläche digitale Lehrangebote schaffen. Das Verschieben oder Ausfallenlassen von Semestern oder Schulstunden ist keine Alternative. Perspektivisch geht es um eine Erweiterung der Lehrangebote und das Kreieren neuer Weiterbildungsmöglichkeiten — alles in digitaler Form.

Dorothee Bär sprach bereits im November 2018 davon, dass Deutschland eine Krisenmentalität braucht, um die Digitalisierungslücke zu schließen. Davon war bisher leider noch viel zu wenig zu spüren. Doch nun ist eine echte Krise da. Jetzt gilt es mutig zu handeln und nicht im Klein-Klein-Modus weiter zu agieren. Das Erfolgsrezept zur Digitalisierung in der Krise lautet wie folgt:

  • Digitalisierungsprojekte mit signifikanten finanziellen Mitteln ausstatten,
  • Projekte fachlich unterstützen,
  • unseren besten Talenten Verantwortung geben und
  • mit einer Gründerkultur die Umsetzung angehen.

Oder in Kürze: Just do it.

Der Staat hat einen sehr großen Hebel, indem er seine Infrastrukturen den digitalen Lösungen öffnet und damit den Unternehmen für deren neue Services einen Schub für deren nachhaltiges Wachstumsfeld verpasst. So geht Public-Private-Partnership auch als langsamer Tanker mit einer ganzen Flotte von Schnellbooten.

Klar ist, dass ein solcher Ansatz im Widerspruch zu dem klassischen Vorgehen mit komplizierter Gremienarbeit und langwierigen Ausschreibungsverfahren steht. Wenn man als Politiker mit Maßnahmen wie den gesellschaftlichen Lockdown bereits begonnen hat, die Komfortzone des Tagesgeschäftes zu verlassen, dann kann man als Politiker mit derselben Courage auch den Turbo bei der Digitalisierung zünden. Führt die Politik dann noch digitale Infrastrukturprogramme, digitale Identität und den digitalen Euro ein, so wie es die Amerikaner mit ihrem Stimulus-Programm vorgemacht haben, entstehen neuartige digitale Ökosysteme.

Nicht zu vergessen, dass es am Ende darum geht, auch später mit digitalen Lösungen nachhaltig Geld zu verdienen. Denn nur so erreichen wir mehr als nur das Heranzüchten digitaler Eintagsfliegen zur Lösung singulärer Probleme in der Corona-Krise.

Wir sollten das derzeitige Momentum nutzen. Wir sollten genau jetzt nicht aufhören, sondern diesen ungeheuren Drive wie ein Schwungrad nutzen für die nächste Runde der Digitalisierung. Denn nachdem wir nun alle online sind, wird es spannend. Nun kommen die wirklich digitale Themen auf uns zu wie künstliche Intelligenz, Blockchain und Datenanalytik. Also mehr als Papierberge PDF-scannen.

Corona bringt viel Leid über die Menschen. Aber es gibt auch positives. Dies sollten wir nun anpacken. Der Staat hat mit beeindruckender — teils auch kritisierter — Wucht begonnen, die derzeitige Krise zu steuern. Bisher war dies notgedrungen reaktiv. Nun sollten proaktiv die entlegensten Winkel der Gesellschaft digital durchdrungen werden. Um digitale Inhalte, digitale Ausbildung, digitale Prozesse zu schaffen, ist jetzt exakt der richtige Zeitpunkt. Der Corona-Virus war der Auslöser, wir sollten das Momentum in der Gesellschaft jetzt nutzen.

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Autoren

Dr. Carsten Stöcker ist Physiker und Gründer der Spherity GmbH. Er entwickelt skalierbare, dezentrale Identitätslösungen, die Vertrauen zwischen Menschen, Dingen, Systemen und Unternehmen für Anwendungen in der Industrie 4.0 aufbauen. Er ist Mitglied des Global Future Council des World Economic Forums. In Bezug auf die Corona-Pandemie liegt der Fokus von Spherity auf der Entwicklung von Lösungen für Pharmaunternehmen und für Anwendungen im E-Health Bereich.

Prof. Dr. Markus Büch arbeitet an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management Berlin als Hochschullehrer im Bereich Wirtschaftsrecht mit dem Forschungsschwerpunkt Digitalisierung des Gesellschaftsrechts und berät in der Praxis Unternehmen beim Aufbau digitaler sowie dezentraler Kooperationsstrukturen. Zudem ist er Vorstandsmitglied des Blockchain Bundesverbandes.

Prof. Dr. Philipp Sandner hat das Frankfurt School Blockchain Center (FSBC) gegründet. In den Jahren 2018 und 2019 wurde er von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), einer der größten Zeitungen in Deutschland, als einer der “Top 30”-Ökonomen ausgezeichnet. Darüber hinaus gehörte er zu den “Top 40 unter 40” — einem Ranking des Wirtschaftsmagazins Capital. Seit 2017 ist er Mitglied des FinTechRats des Bundesministeriums der Finanzen. Die Expertise von Prof. Sandner umfasst die Blockchain-Technologie, Kryptowerte wie Bitcoin und Ethereum, den digitalen programmierbaren Euro, Tokenisierung von Assets und Rechten und letztlich digitale Identität. Erreichbar ist er per E-Mail (email@philipp-sandner.de), per LinkedIn oder auf Twitter (@philippsandner).

Written by

Professor | Lecturer | Author | Investor | Frankfurt School Blockchain Center

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